Historie

Die Geschichte des Ernst Wasmuth Verlags

Der Ernst Wasmuth Verlag ist einer der ältesten familiengeführten Verlage Deutschlands für Architektur, Archäologie, Kunst und Design. Seit 1990 ist Ernst J. Wasmuth Geschäftsführer in der dritten Generation. Der Verlag wurde 1872 in Berlin von Ernst Wasmuth gegründet und entwickelte sich rasch zu einem der führenden Architektur- und Kunstbuchverlage Mitteleuropas.

Die technologisch unentwickelte Bildwelt des 19. Jahrhunderts wurde zum publizistischen Schwerpunkt des Verlags: Eigene Photographen bereisten Deutschland und später auch das Ausland, da die Fülle der architekturgeschichtlichen Schätze noch überhaupt nicht erfasst war. Es entstanden grundlegende Publikationen zur Architekturgeschichte wie Fritsch, „Denkmäler deutscher Renaissance“ (1880), Dohme, „Barock- und Rokoko-Architektur“ (1883), Schäfer, „Holzarchitektur“ (1880–82), Hartung, „Motive mittelalterlicher Baukunst“ (1895–97), Uhde, „Baudenkmäler in Spanien und Portugal“ (1888). Viele Bauwerke, die mittlerweile abgerissen oder durch Krieg zerstört wurden, sind in diesen Prachtbänden der Nachwelt erhalten geblieben. 46 Jahre, von 1879 bis 1925, dauerte die komplette Herausgabe der „Palastarchitektur von Oberitalien und Toskana vom XIII.–XVII. Jahrhundert“.

1884 erwarb Ernst Wasmuth das Geschäftshaus Markgrafenstr. 35, das den Verlag, die graphische Anstalt, die photographischen Ateliers und die Sortimentsbuchhandlung unter einem Dach vereinte. Es war dem Gründer der Firma aber nicht vergönnt, die Früchte seiner Arbeit zu ernten, da er bereits 1897 verstarb. Der Verlag wurde von seiner Schwägerin Antonie Wasmuth und ihrem Geschäftsführer Otto Dorn weitergeführt, bis sein Neffe Günther Wasmuth de jure 1914 und de facto 1919 nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg die Leitung des Hauses übernehmen konnte.

Während berühmte Werke wie Hermann Muthesius „Das englische Haus“ (1904), Frank Lloyd Wrights „Ausgeführte Bauten und Entwürfe“ (1910) oder die noch von Camillo Sitte konzipierte Zeitschrift „Der Städtebau“ (1904) sowie „Die Architektur im XX. Jahrhundert“ (1911) für die Zeit vor der Zäsur des Ersten Weltkriegs standen, gelang es Günther Wasmuth in den 1920er Jahren und danach, dem Verlag neuen Glanz zu verleihen. Der architektonische Diskurs Deutschlands wurde von „Wasmuths Lexikon der Baukunst“ sowie „Wasmuths Monatsheften für Baukunst“ und deren einflussreichen Theoretiker und Baukultur-Politiker Werner Hegemann („Das steinerne Berlin“) geprägt. 1921–1927 erschien die Reihe „Orbis Pictus – Weltkunstbücherei“, herausgegeben von Paul Westheim, 1922–1929 die berühmte Reihe „Orbis Terrarum“. H. Th. Bossert veröffentlichte 1924 sein monumentales „Ornamentwerk“, 1926 Karl Blossfeldt seine „Urformen der Kunst“ bei Wasmuth. Paul Zuckers „Moderne Theater und Lichtspielhäuser“ verwies 1926 auf Berlin als Metropole des Filmschaffens. Im gleichen Jahr hatte Lotte Reinigers Silhouetten-Animationsfilm „Die Abenteuer des Prinzen Ahmed“ Premiere in der Berliner Volksbühn am Bülowplatz und erschien die gleichnamige Kunstmappe bei Wasmuth.

In der Serie der „Werkkunstbücherei“ kamen die einzelnen Zweige des Kunsthandwerks zur Darstellung: Flemming, „Das Textilwerk“ (1927), Höver, „Das Eisenwerk“ (1927), Degering, „Die Schrift“ (1929), Schmitz, „Das Möbelwerk“ u.a.m.

Zahlreiche Freundschaften verbanden Günther Wasmuth mit Künstlern und Autoren der damaligen Zeit: mit Carl Einstein, Ivan Puni, Hans Poelzig, Lotte Reiniger, Helmut Th. Bossert u.v.a.m. Die Weltwirtschaftskrise von 1931 brachte den Verlag in schwere Turbulenzen, die Machtergreifung Hitlers beraubte ihn zunehmend wichtiger, oft jüdischer Autoren und Freunde, bis Günther Wasmuth zuletzt selbst 1944 ins KZ Sachsenhausen eingeliefert wurde.

Schwer gezeichnet baute er ab 1946 den Verlag in Tübingen mit bescheidensten Mitteln sukzessive wieder auf. Die Programmschwerpunkte bildeten nach wie vor die Bereiche Architektur, Kunst und Kunsthandwerk. Die Archäologie wurde künftig durch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut bei zahlreichen Einzelpublikationen, wie den topographischen Bildlexika von Rom, Athen und Istanbul, sowie archäologischen Reihen wie u.a. den „Istanbuler Mitteilungen, den „Istanbuler Forschungen“, der „Zeitschrift für Orient-Archäologie“ oder dem „Archäologischen Anzeiger“ stark geprägt.

Seit 1990 ist Ernst J. Wasmuth Geschäftsführer des Verlages. Neben grundlegenden Werken zur Architekturgeschichte wurden und werden seither zahlreiche Publikationen zu moderner Architektur, Kunst und Design veröffentlicht. Die Verlagsprogrammatik diversifizierte sich den Zeitläuften entsprechend auf Museumsführer, Ausstellungskataloge, auf Architektenmonographien sowie hochwertige Bildbände zur Fotografie wie zur Angewandten Kunst.

In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architekturmuseum Frankfurt erschienen u.a. die „Schriftenreihe zur Plan- und Modellsammlung des DAM“ (ab 1996), „Eine Architektur für alle Sinne. Die Arbeiten von Eileen Gray“ (1996; Hrsg. Caroline Constant, Wilfried Wang), „Helmut Jacoby. Meister der Architekturzeichnung“ (2001; Hrsg. Helge Bofinger, Wolfgang Voigt), „Paul Schmitthenner 1884–1972“ (2003; Hrsg.: Wolfgang Voigt, Hartmut Frank), „Dominikus Böhm 1880–1955“ (2005; Hrsg. Wolfgang Voigt, Ingeborg Flagge), „Paul Bonatz 1877–1956“ (2010;  Hrsg.: Wolfgang Voigt, Roland May), „Interferenzen – Interférences. Architektur Deutschland – Frankreich 1800–2000“ (2013; Hrsg. Jean-Louis Cohen, Hartmut Frank), „Ferdinand Kramer. Die Bauten. The Buildings of Ferdinand Kramer“ (2015; Hrsg. Wolfgang Voigt, Philipp Sturm, Peter Körner, Peter Cachola Schmal).

In Berlin wurden von Wasmuth zwischen 1993 bis 2013 erfolgreich zahlreiche Museumsshops der Staatlichen Museen betrieben. Derzeit gehören zu Wasmuth noch die Museumsshops im Deutschen Technikmuseum Berlin und im Museum der Bildenden Künste in Leipzig, während die Berliner Fa. Buchhandlung & Antiquariat 2014 als Bibliothekslieferant den Betrieb einstellte.

Die in den letzten beiden Dekaden explosiv voranschreitende Digitalisierung stellt alle Printmedien vor Herausforderungen, so auch den Wasmuth Verlag. Ihnen zu begegnen braucht es einerseits die stabile Tradition des Verlagshauses, die stets auch die Neugier auf Neues beinhaltete, andererseits eine offensive Bereitschaft zur Innovation im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien.

Es gilt, das Neue zu integrieren, das Bewährte zu erhalten und fortzuführen.

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