Historie

Die Geschichte des Ernst Wasmuth Verlags

Der Ernst Wasmuth Verlag war einer der ältesten familiengeführten Verlage Deutschlands für Architektur, Archäologie, Kunst und Design. Seit 1990 war Ernst J. Wasmuth Geschäftsführer in der dritten Generation. Da sich kein Nachfolger mehr fand, kam es im Jahr 2019 zu einem Generations- und Inhaberwechsel, dergestalt dass Bernhard S. Elias und Gerwin Zohlen neue Geschäftsführer wurden und Ernst J. Wasmuth beratender „Senior Publisher“. Der Verlag firmiert seitdem als Wasmuth & Zohlen Verlag mit Hauptsitz in Berlin und einer Nebenstelle in Tübingen.
Gegründet wurde der Verlag 1872 in Berlin von Ernst Wasmuth und entwickelte sich damals rasch zu einem der führenden Architektur- und Kunstbuchverlage Mitteleuropas.

Die technologisch unentwickelte Bildwelt des 19. Jahrhunderts wurde zum publizistischen Schwerpunkt des Verlags: Eigene Photographen bereisten Deutschland und später auch das Ausland, da die Fülle der architekturgeschichtlichen Schätze noch überhaupt nicht erfasst war. Es entstanden grundlegende Publikationen zur Architekturgeschichte wie Fritsch, „Denkmäler deutscher Renaissance“ (1880), Dohme, „Barock- und Rokoko-Architektur“ (1883), Schäfer, „Holzarchitektur“ (1880–82), Hartung, „Motive mittelalterlicher Baukunst“ (1895–97), Uhde, „Baudenkmäler in Spanien und Portugal“ (1888). Viele Bauwerke, die mittlerweile abgerissen oder durch Krieg zerstört wurden, sind in diesen Prachtbänden der Nachwelt erhalten geblieben. 46 Jahre, von 1879 bis 1925, dauerte die komplette Herausgabe der „Palastarchitektur von Oberitalien und Toskana vom XIII.–XVII. Jahrhundert“.

1884 erwarb Ernst Wasmuth das Geschäftshaus Markgrafenstr. 35, das den Verlag, die graphische Anstalt, die photographischen Ateliers und die Sortimentsbuchhandlung unter einem Dach vereinte. Es war dem Gründer der Firma aber nicht vergönnt, die Früchte seiner Arbeit zu ernten, da er bereits 1897 verstarb. Der Verlag wurde von seiner Schwägerin Antonie Wasmuth und ihrem Geschäftsführer Otto Dorn weitergeführt, bis sein Neffe Günther Wasmuth de jure 1914 und de facto 1919 nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg die Leitung des Hauses übernehmen konnte.

Während berühmte Werke wie Hermann Muthesius „Das englische Haus“ (1904), Frank Lloyd Wrights „Ausgeführte Bauten und Entwürfe“ (1910) oder die noch von Camillo Sitte konzipierte Zeitschrift „Der Städtebau“ (1904) sowie „Die Architektur im XX. Jahrhundert“ (1911) für die Zeit vor der Zäsur des Ersten Weltkriegs standen, gelang es Günther Wasmuth in den 1920er Jahren und danach, dem Verlag neuen Glanz zu verleihen. Der architektonische Diskurs Deutschlands wurde von „Wasmuths Lexikon der Baukunst“ sowie „Wasmuths Monatsheften für Baukunst“ und deren einflussreichen Theoretiker und Baukultur-Politiker Werner Hegemann („Das steinerne Berlin“) geprägt. 1921–1927 erschien die Reihe „Orbis Pictus – Weltkunstbücherei“, herausgegeben von Paul Westheim, 1922–1929 die berühmte Reihe „Orbis Terrarum“. H. Th. Bossert veröffentlichte 1924 sein monumentales „Ornamentwerk“, 1926 Karl Blossfeldt seine „Urformen der Kunst“ bei Wasmuth. Paul Zuckers „Moderne Theater und Lichtspielhäuser“ verwies 1926 auf Berlin als Metropole des Filmschaffens. Im gleichen Jahr hatte Lotte Reinigers Silhouetten-Animationsfilm „Die Abenteuer des Prinzen Ahmed“ Premiere in der Berliner Volksbühne am Bülowplatz und erschien die gleichnamige Kunstmappe bei Wasmuth.

In der Serie der „Werkkunstbücherei“ kamen die einzelnen Zweige des Kunsthandwerks zur Darstellung: Flemming, „Das Textilwerk“ (1927), Höver, „Das Eisenwerk“ (1927), Degering, „Die Schrift“ (1929), Schmitz, „Das Möbelwerk“ u.a.m.

Zahlreiche Freundschaften verbanden Günther Wasmuth mit Künstlern und Autoren der damaligen Zeit: mit Carl Einstein, Ivan Puni, Hans Poelzig, Lotte Reiniger, Helmut Th. Bossert u.v.a.m. Die Weltwirtschaftskrise von 1931 brachte den Verlag in schwere Turbulenzen, die Machtergreifung Hitlers beraubte ihn zunehmend wichtiger, oft jüdischer Autoren und Freunde, bis Günther Wasmuth zuletzt selbst 1944 ins KZ Sachsenhausen eingeliefert wurde.

Schwer gezeichnet baute er ab 1946 den Verlag in Tübingen mit bescheidensten Mitteln sukzessive wieder auf. Die Programmschwerpunkte bildeten nach wie vor die Bereiche Architektur, Kunst und Kunsthandwerk. Die Archäologie wurde durch die Zusammenarbeit mit dem Deutschen Archäologischen Institut bei zahlreichen Einzelpublikationen, wie den topographischen Bildlexika von Rom, Athen und Istanbul, sowie archäologischen Reihen wie u.a. den „Istanbuler Mitteilungen“, den „Istanbuler Forschungen“, der „Zeitschrift für Orient-Archäologie“ oder dem „Archäologischen Anzeiger“ zu einem wichtigen Standbein.

1990 wurde Ernst J. Wasmuth Geschäftsführer des Verlages. Neben grundlegenden Werken zur Architekturgeschichte wurden und werden seither zahlreiche Publikationen zu moderner Architektur, Kunst und Design veröffentlicht. Die Verlagsprogrammatik diversifizierte sich den Zeitläuften entsprechend auf Museumsführer, Ausstellungskataloge, auf Architektenmonographien sowie hochwertige Bildbände zur Fotografie wie zur Angewandten Kunst.

In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Architekturmuseum Frankfurt erschienen u.a. die „Schriftenreihe zur Plan- und Modellsammlung des DAM“ (ab 1996), „Eine Architektur für alle Sinne. Die Arbeiten von Eileen Gray“ (1996; Hrsg. Caroline Constant, Wilfried Wang), „Helmut Jacoby. Meister der Architekturzeichnung“ (2001; Hrsg. Helge Bofinger, Wolfgang Voigt), „Paul Schmitthenner 1884–1972“ (2003; Hrsg.: Wolfgang Voigt, Hartmut Frank), „Dominikus Böhm 1880–1955“ (2005; Hrsg. Wolfgang Voigt, Ingeborg Flagge), „Paul Bonatz 1877–1956“ (2010;  Hrsg.: Wolfgang Voigt, Roland May), „Interferenzen – Interférences. Architektur Deutschland – Frankreich 1800–2000“ (2013; Hrsg. Jean-Louis Cohen, Hartmut Frank), „Ferdinand Kramer. Die Bauten. The Buildings of Ferdinand Kramer“ (2015; Hrsg. Wolfgang Voigt, Philipp Sturm, Peter Körner, Peter Cachola Schmal) und 2017 mit großem Erfolg „Frau Architekt. Seit mehr als 100 Jahren: Frauen im Architekturberuf. Over 100 Years of Women in Architecture“ (Hrsg.: Mary Pepchinski, Christina Budde, Wolfgang Voigt, Peter Cachola Schal).
Mit dem Marta Herford entstand 2014 die Architektenmonografie „Der entfesselte Blick“
Die Brüder Rasch und ihre Impulse für die moderne Architektur. Mit der Berlinischen Galerie 2015 der Ausstellungskatalog „Radikal Modern, Planen und Bauen im Berlin der 1960er Jahre“ (Hrsg. Thomas Köhler und Ursula Müller) in deutscher wie englischer Fassung.
Ein weiteres Highlight unter den Architekturpublikationen war 2018 „Theodor Fischer.
Architektur der Stuttgarter Jahre“ von Rose Hajdu (Fotogafien) und Dietrich Heißenbüttel (Text). Hans Stimmann veröffentlichte 2017 „Stadt. Volk. Park. Volkspark als Bühne städtischer Selbstinszenierung“. 2019 konnte der Verlag Markus Tubbesings „Der Wettbewerb Gross-Berlin 1910. Die Entstehung einer modernen Disziplin Städtebau“ vorlegen.
Die prächtige Publikation „Ein Meisterwerk des Empire- Das Palais Beauharnais in Paris“ (Hrsg.: Jörg Ebeling und Ulrich Leben) verband die kunstgeschichtlichen Erkenntnisse mit opulentem Bildmaterial.
Auch im Bereich der Kunstpublikation ist der Verlag mit dem fast 600 Seiten und 1200 Abbildungen enthaltenden umfassenden Werk von Horst Makus „Französische Kunst-Keramik 1860-1920. Ein Handbuch“ seinem Anspruch treu geblieben.

In Berlin wurden von Wasmuth zwischen 1993 bis 2013 erfolgreich zahlreiche Museumsshops der Staatlichen Museen betrieben, wobei die Berliner Fa. Buchhandlung & Antiquariat 2014 als Bibliothekslieferant den Betrieb einstellte.

Die in den letzten beiden Dekaden explosiv voranschreitende Digitalisierung stellt alle Printmedien vor Herausforderungen, so auch den Wasmuth Verlag. Ihnen zu begegnen, braucht es einerseits die stabile Tradition des Verlagshauses, der 2022 sein 150jähriges Jubiläum feiert, andererseits eine offensive Bereitschaft zur Innovation im Zeitalter des Internets und der sozialen Medien.

Es gilt, das Neue zu integrieren, das Bewährte zu erhalten und fortzuführen.