Diskussion im Rahmen der Ausstellung „Bilder über Bilder. 80 Jahre Kriegsende. Berlin 1945-2025“ mit Marc Barbey, Ludger Derenthal und Michael Wesely, Moderation: Rudolf Spindler (Wasmuth Verlag), 19. Mai 2025, 19 Uhr
Papierhalle, Axel-Springer-Straße 43, Berlin
Der Alexanderplatz mit der verlorenen Georgenkirche und der in DDR-Zeiten aufgestellten Weltzeituhr überblendet in einem Foto, Schinkels beschädigtes Altes Museum mit Panzerwracks und einem silberfarbenen Reisebus am Lustgarten überlagert in einem anderen Bild.
Von exakt den gleichen Standpunkten aus, an denen Fotografen wie Hein Gorny oder Martin Badekow in den Jahren 1945/46 standen, um das kriegszerstörte Berlin zu dokumentieren, hat der Fotokünstler Michael Wesely erneut fotografiert und seine Bilder mit den damaligen Aufnahmen zusammengeführt. So entstanden hochdifferenzeierte Langzeitbelichtungen in die Vergangenheit, unter denen unsere Gegenwart hindurchschimmert. Und künstlerische Dialoge, die die Entwicklung der Berliner Stadträume mit ihren Abrissen, Neuplanungen und Rekonstruktionen bis heute vorstellbar zu machen.
Wie kann Fotografie Zeit und Raum einfangen und inszenieren? Anlässlich der Ausstellung „Bilder über Bilder. 80 Jahre Kriegsende. Berlin 1945–1925“ in der Papierhalle des Wasmuth Verlags sprechen Ludger Derenthal (Leiter der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek Berlin) und Marc Barbey (Collection Regard) mit Michael Wesely über die Berührungspunkte zwischen der Trümmerfotografie der ersten Nachkriegsmonate und dem Werk des Berliner Fotografen. Und erinnern an Fotografen wie Hein Gorny oder Martin Badekow und ein fotografisches Gedächtnis, das unser Bild der Berliner Nachkriegsjahre bis heute prägt. Moderation: Rudolf Spindler (Wasmuth Verlag). Der Eintritt ist frei.
Fotografen
Michael Wesely, geboren 1963 in München, studierte von 1986 bis 1988 an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie und von 1988 bis 1994 an der Akademie der Bildenden Künste München. Der Fotokünstler erfasst mit seinen oft extremen Langzeitbelichtungen Prozesse, die sich über Zeiträume von Minuten, vielen Stunden bis hin zu Jahren erstrecken und nimmt die vergehende Zeit auf: für fünf Minuten sich mehr oder minder stillhaltende Menschen, über Jahre im Bau entstehende Architektur. In Langzeitprojekten fotografierte er die Errichtung einiger bedeutender städtebaulicher Strukturen in Berlin oder São Paulo. Seine Werke werden weltweit in zahlreichen Galerie- und Museumsausstellungen gezeigt, zuletzt im Museum für Fotografie der Staatlichen Museen zu Berlin. Sein Buch Bilder über Bilder. 80 Jahre Kriegsende. Berlin 1945/46 ist gerade im Wasmuth Verlag erschienen.
Martin Badekow (1896–1983) begann 1916 bei der Firma O. Uekerus Berlin (Verlag) eine Ausbildung zum Fotografen. Nach dem 1. Weltkrieg, an dem er als Soldat teilnahm, arbeitete er als selbstständiger Fotograf und bezog sein erstes Atelier am Kurfürstendamm 11, ein zweites folgte am Kurfürstendamm 53, wo auch die berühmten Portraits der jungen Marlene Dietrich entstanden. Für die Blätter des Ullstein-Verlags war er von 1927 bis 1933 als Sportfotograf tätig. Sein letztes Atelier betrieb er von 1930 bis 1933 am Kurfürstendamm 224. Nach dem 2. Weltkrieg gehörte er zu den Fotografen, die die Zerstörung Berlins eindringlich dokumentierten. Zusammen mit seinem Sohn Heinz Badekow arbeitete er für die Berliner Niederlassung der Associated Press als Bildberichterstatter und Kameramann, danach bis zu seinem 75. Lebensjahr beim Sender Freies Berlin. Der Nachlass von Martin Badekow befindet sich heute in der Sammlung Fotografie der Kunstbibliothek im Museum für Fotografie in Berlin.
Hein Gorny (1904–1967) war ein Fotograf, der im Geist der Neuen Sachlichkeit vor allem experimentelle Fotografie, Werbeaufnahmen, Tierfotografie, Sach- und Industrieaufnahmen machte. Als Autodidakt begann er 1929 als Fotograf zu arbeiten und lebte bis in die späten 1940er Jahre vor allem in Hannover und Berlin. In der Zeit des Nationalsozialismus lehnte Gorny die Forderung der Reichspressekammer ab, sich von seiner jüdischen Frau Ruth Lessing scheiden zu lassen. Der Versuch, sich daraufhin im amerikanischen Exil eine neue Existenz aufzubauen, scheiterte jedoch. Gorny realisierte viele Aufträge für Firmen wie Bahlsen, Feldmühle oder Continental. In der Zeitschrift Photographie Arts et Métiers Graphiques war Gorny der meistvertretene Fotograf in seiner Zeit. Von 1939 bis 1941 betrieb Gorny zusammen mit Karl Theodor Gemmler das ehemalige Atelier von Lotte Jacobi am Kurfürstendamm als „Fotografie Gremmler-Gorny. Atelier für moderne Fotografie“. 1938 und 1941 erschienen Ein Pferdebuch und Ein Hundebuch, jeweils mit mehreren Auflagen. Für seinen Plan, 1946 ein Berlin- Buch mit (Luft-)Aufnahmen der von den Bomben zerstörten Stadt zu veröffentlichen, fand sich allerdings kein Verleger. Die Deutsche Fotothek der Sächsischen Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden behaust sein Archiv seit Ende 2023. Marc Barbey von der Collection Regard, Berlin, verwaltet seit 2011 den Nachlass von Hein Gorny